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Zinsdruck auf Dax-Unternehmen: Wer steckt in der Zinsfalle?

Dax-Unternehmen stehen vor der Herausforderung, die Hälfte ihrer halben Billion Euro Anleihe-Schulden bald neu zu finanzieren.

15. Nov. 2023, 08:00

Die Zinswende erreicht langsam auch die Finanzstrategien von Deutschlands wichtigsten Konzernen. Die Handelsblatt-Berechnungen zeigen, dass im Jahr 2024 allein bei den Dax-40-Konzernen Schulden von 69 Milliarden Euro fällig werden. Diese wurden während der Nullzinsphase aufgenommen und müssen nun entweder getilgt oder zu deutlich höheren Zinssätzen refinanziert werden. Insgesamt sind die Dax-Unternehmen seit der Nullzinspolitik stark verschuldet und erreichen eine historische Höhe von 650 Milliarden Euro, was doppelt so viel wie vor zehn Jahren ist.

Ein Großteil dieser Schulden besteht aus Anleihen im Wert von 522 Milliarden Euro, von denen bis 2026 Papiere im Wert von 231 Milliarden Euro auslaufen werden - was 44 Prozent der gesamten Anleiheschuld ausmacht. Laut Commerzbank-Analyst Markus Wallner wird dies aufgrund der stark gestiegenen Zinssätze zu einer deutlichen Belastung der Unternehmen durch Zinszahlungen führen.

Die Zeiten der Nullzinspolitik haben die Konzerne in eine Zinsfalle geführt, in der sie sich durch die Aufnahme von Schulden selbst hineinmanövrierten. Jetzt, da die Zinsen steigen, kommen die Unternehmen in Bedrängnis. Besonders betroffen sind Unternehmen mit hohen Schulden und schwachen Geschäftsmodellen, die sich zu deutlich höheren Zinssätzen refinanzieren müssen oder ihre niedrig verzinsten Schulden teurer zurückzahlen müssen.

Nach den kräftigen Leitzinserhöhungen in der Euro-Zone von null auf 4,5 Prozent innerhalb eines Jahres, sind die Zeiten günstiger Kredite vorbei. Laut Dominikus Wagner von Wagner & Florack, einer bankenunabhängigen Vermögensverwaltung, kann dies für Unternehmen mit signifikant höheren Zinssätzen nicht nur zu höheren Kosten führen, sondern auch existenzielle Risiken darstellen.

Unternehmen mit hohen Cashbeständen und geringen Verbindlichkeiten profitieren von den steigenden Zinssätzen, da sie höhere Zinserträge erzielen. Doch selbst Starökonom Mohamed El-Erian warnt vor den Auswirkungen der höheren Zinsen auf die Kreditrisiken. Er prognostiziert, dass im Jahr 2024 das Kreditrisiko die "große Angst des Marktes" ablösen wird, da die Zentralbanken nicht mehr im Mittelpunkt des Interesses stehen werden. Stattdessen werden Schulden und Kredite in den Fokus rücken, insbesondere wenn Unternehmen zu deutlich höheren Zinssätzen refinanzieren oder ihre alten Schulden teurer ablösen müssen.

Siemens Energy steht unter den Dax-Unternehmen am stärksten unter Druck. Im kommenden Jahr laufen bereits Anleihen im Wert von 4,8 Milliarden Euro aus, was mehr als die Hälfte seiner Gesamtschuld von 7,7 Milliarden Euro ausmacht. Aufgrund der schwierigen Finanzlage wird es für das Unternehmen teuer werden, neue Anleihen zu einem Zinssatz von deutlich über fünf Prozent zu bekommen. Auch andere Unternehmen, wie der Autozulieferer Continental, der Halbleiterhersteller Infineon und der Energieversorger RWE, stehen unter Druck, jedoch in geringerem Ausmaß. Bei RWE laufen im kommenden Jahr Anleihen im Wert von fünf Milliarden Euro aus, was über ein Drittel seiner Gesamtschuld entspricht.

Dank seiner Fokussierung auf erneuerbare Energien und der Energiewende, konnte RWE jedoch im laufenden Jahr ein Nettoeinkommen von 3,6 Milliarden Euro erzielen. Bayer hingegen kämpft mit hohen Schulden in Höhe von 40 Milliarden Euro, die hauptsächlich auf die teure Übernahme von Monsanto zurückzuführen sind. 2024 und 2025 müssen jeweils rund vier Milliarden Euro neu finanziert oder getilgt werden, was zu höheren Zinszahlungen führen wird. Aufgrund von sinkenden Weltmarktpreisen und niedrigeren Absatzmengen der Konsumgüter, musste das Unternehmen im dritten Quartal einen Gewinnrückgang von knapp einem Drittel gegenüber dem Vorjahr hinnehmen. Aufgrund von Wertminderungen in der Agrarsparte, verbuchte Bayer sogar einen Nettoverlust von 4,6 Milliarden Euro.

Die Deutsche Telekom ist mit 137 Milliarden Euro Nettofinanzverbindlichkeiten der am höchsten verschuldete Konzern unter allen deutschen Unternehmen. Ihre Nettofinanzverbindlichkeiten übertreffen die der restlichen DAX-Konzerne bei weitem. Im Fokus stehen dabei vor allem die gut 90 Milliarden Euro an ausstehenden Anleihen. Die Höhe der Gesamtsumme schwankt aufgrund der Tatsache, dass ein Großteil der Anleihen auf Dollar-Basis läuft und daher den Schwankungen des Wechselkurses unterliegt.

Im kommenden Jahr laufen bei der Telekom Anleihen im Volumen von5,2 Milliarden Euro aus, gefolgt von weiteren sechs Milliarden Euro im Jahr 2025 und sieben Milliarden Euro im Jahr 2026. Allerdings werden die Zinsbelastungen nicht sofort steigen, da einige der alten, hoch verzinsten Anleihen auslaufen. Doch die Zeit arbeitet gegen das Unternehmen, denn nach und nach kommen diese alten Anleihen aus den Niedrigzinsjahren zum Ende und müssen durch höher verzinste Schuldscheineersetzt werden.

Um die Schulden und damit auch die zukünftigen Zinslasten zu senken, hat die Telekom in der Vergangenheit Anleihen in Milliardenhöhe vorzeitig zurückgekauft. Darüber hinaus hat sie die Mehrheit ihres Funkturmgeschäfts verkauft und dadurch 10,7 Milliarden Euro eingenommen. Trotz dieser Maßnahmen sind die Nettofinanzverbindlichkeiten in den letzten drei Jahren um zwölfeinhalb Milliarden Euro gestiegen. Grund dafür sind neben den Investitionen auch hohe Ausgaben für Aktienrückkäufe. Die Tochtergesellschaft T-Mobile US hat allein im ersten Halbjahr 2023 eigene Aktien im Wert von 7,6 Milliarden Euro erworben, insgesamt waren es in den letzten drei Jahren umgerechnet 15,2 Milliarden Euro.

Die Tilgung der Schulden hat für die Telekom auch in Zukunft keine Priorität. Auf einer Investorenveranstaltung kündigte US-Chef Mike Sievert an, weitere 19 Milliarden Dollar für Aktienrückkäufe bereitzustellen. Dem will nun auch der Stammkonzern in Bonn nicht länger nachstehen und plant für 2024 den Rückkauf eigener T-Aktien in Höhe von bis zu zwei Milliarden Euro. Die Telekom ist davon überzeugt, dass sie ausreichend finanziellen Spielraum hat, nachdem zum dritten Mal in Folge die Jahresprognose im dritten Quartal angehoben wurde.

Der freie Mittelzufluss soll in diesem Jahr auf über 16,1 Milliarden Euro steigen. Im vergangenen Quartal erzielte die Telekom einen Nettogewinn von 1,9 Milliarden Euro, verglichen mit knapp 1,6 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum. Aktionäre begrüßen solche Maßnahmen, da dadurch das Gesamtangebot an Aktien reduziert wird und künftige Gewinne und Dividenden auf eine geringere Anzahl an Aktien verteilt werden. Dies treibt in der Regel den Aktienkurs an, jedoch erhöht es auch die Verschuldung des Unternehmens.

Für hoch verschuldete "Zombie-Unternehmen" können die Auswirkungen der steigenden Zinsen noch gefährlicher sein als für große DAX-Konzerne. Diese Unternehmen werden in Zukunft möglicherweise mehr Zinsen zahlen müssen, als sie durch ihr operatives Geschäft erwirtschaften. Marcus Hüttinger, Marktstratege beim Investmenthaus Gané, warnt in seinem kürzlich erschienenen Artikel "Die Gravitationskraft von hohen Zinsen" vor weiteren Unternehmenspleiten, die durch höhere Finanzierungskosten verursacht werden könnten. Diese Firmen haben in der Vergangenheit von der Nullzinspolitik profitiert und werden nun vor schwierige Herausforderungen gestellt.

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