Zwei Wochen ohne Attest? SPD-Minister sorgt mit gewagtem Vorschlag für Aufsehen
Clemens Hoch will Krankschreibungen erst nach 14 Tagen – und bringt damit Ärzte, Arbeitgeber und Ökonomen gleichermaßen auf die Palme. Sein Ziel: weniger Bürokratie, mehr Vertrauen.

Ein Vorstoß, der polarisiert
Rheinland-Pfalz’ Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD) hat mit einem überraschenden Vorschlag eine Debatte losgetreten, die das Verhältnis von Staat, Arzt und Arbeitnehmer grundlegend verändern könnte. Hoch will die Pflicht zur ärztlichen Krankschreibung erst nach zwei Wochen einführen – doppelt so lange, wie aktuell vorgesehen.
„Wir sollten den Menschen mehr Vertrauen entgegenbringen“, sagte Hoch der dpa. Ärzte seien überlastet, viele Sprechstunden würden nur wegen der Ausstellung einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung blockiert. Durch eine Verlängerung der Frist könnten sich Mediziner stärker auf akute Fälle konzentrieren – und Bürokratie abgebaut werden.
Unterstützung vom Ärztechef – Kritik von Arbeitgebern
Mit seinem Vorstoß knüpft Hoch an eine Idee des KBV-Vorsitzenden Andreas Gassen an, der bereits vorgeschlagen hatte, Krankschreibungen erst ab dem vierten Krankheitstag verpflichtend zu machen. Hoch geht weiter – und nennt zwei Wochen als denkbaren Zeitraum.
Gassen argumentiert, dass rund 35 Prozent aller Krankschreibungen in Deutschland ohnehin nur drei Tage dauern. Wenn diese entfallen, könnte das System laut Berechnungen um rund 100 Millionen Euro entlastet werden.
Doch Arbeitgebervertreter warnen: Eine solch lange Frist öffne Missbrauch Tür und Tor. Ohne Attest seien Fehlzeiten kaum überprüfbar – und könnten die Produktivität in vielen Branchen erheblich senken.
Vertrauen oder Risiko?
Hoch kontert mit einem Appell an die Eigenverantwortung: „Die Menschen in unserem Land arbeiten hart und gerne. Wir sollten ihnen zutrauen, selbst zu entscheiden, wann sie wieder arbeitsfähig sind.“
Tatsächlich ist die Zahl der Krankheitstage seit Jahren auf Rekordniveau. Laut DAK-Gesundheit fielen Beschäftigte 2024 im Schnitt 19,7 Tage krankheitsbedingt aus – der höchste Wert seit Beginn der Statistik. Ökonomen warnen, dass diese Entwicklung die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft gefährden könnte.
Zwischen Reformidee und Realitätscheck
Ob Hochs Vorschlag politische Chancen hat, ist fraglich. In Berlin halten sich SPD, Grüne und FDP bislang bedeckt. Doch das Thema trifft einen Nerv: Die Bürokratie im Gesundheitswesen gilt als eines der größten Hemmnisse im Alltag von Ärzten und Patienten.
Für Hoch ist der Vorstoß auch ein Signal: mehr Pragmatismus, weniger Kontrolle. Doch selbst Befürworter räumen ein – zwei Wochen ohne Attest wären eine kleine Revolution im deutschen Arbeitsrecht.







